Flying on floats

Splash-in. Im Land der 30’000 Seen

Seit Oktober 2000 ist bekanntlich hierzulande das Wasserfliegen nicht mehr erlaubt. Ausnahme: Die Seaplanes von Ueli Diethelms „Seeflug Wangen-Lachen“. Die Maule HB-EZS und die Super Cub HB-OPP sind unschwer an ihren Schwimmern, dem unaufgeregt leisen Ton und der meist geringen Flughöhe über dem Zürichsee zu erkennen. Noch heute renne ich Kindskopf dann oft raus, um sie zu bewundern. Auch deshalb, weil sie unvergessliche eigene Erinnerungen wecken.

1987 (lang ist’s her) ein kleines Inserat im AEROKURIER: „Wasserfliegen in Ontario“, mit einer Telefonnummer in Deutschland. Am anderen Ende des Drahtes meldet sich ein gut gelaunter, in Düsseldorf lebender Schweizer. Er wolle für seinen Freund – einen Fluglehrer, ehemaligen Apotheker und inzwischen „landed emigrant“ in Kanada – Piloten aus Europa anwerben. Der Freund betreibe da oben in Ontario nämlich eine Lodge mit Wasserflugschule. Und was er mir darüber erzählte, klang schon sehr verlockend.

Wenige Wochen später war ich dann also im Mietauto auf dem Highway 400 unterwegs nach Norden, mitten in der abendlichen „rush hour“ vierspurig aus Toronto heraus. Nach 2 Stunden Fahrt, bei der Ausfahrt „MacTier“ vom Highway 69 (Trans Canada Highway) runter und nach den letzten Häusern des kleinen Kaffs links ab auf die (damals noch) Naturstrasse durch den Busch. Sie führt hinunter an die Woods Bay zu Jim Grisdale’s Harbour. Da wird dann das Auto parkiert, und es geht per Boot weiter, 10 Minuten rüber zur Woods Bay Lodge.

Um es gleich vorwegzunehmen: Es war Liebe auf den ersten Blick. Die alte Lodge mit ihrem in Ehren ergrauten Besitzer Uwe, sie wurde bald zu einer zweiten Heimat. Für mich und für Freunde aus der halben Welt, manche davon für’s Leben (gälled Bruno, Karin, Iris, Michael, Jan und Monika, Dirk & Co…).

Eine verschworene kleine Familie, die sich da oben wann immer es möglich war wieder traf und wie Pech und Schwefel zusammenhielt. War das Dach der Lodge mal wieder undicht, das Budget aber wie so oft schon überstrapaziert, wurde das Geld für die Reparatur eben im (wie es heute heisst) „Crowd Funding“ zusammengetragen. Im „Crowd Working“ entstand so eines Sommers unter der Regie des Allround-Praktikers Michael gar in wenigen Tagen ein nagelneues Dock (Stichwort für Eingeweihte: „Brätter striiche“). 

Das alte, morsche Dock wird abgebaut…

…und so sieht dann das neue aus. (Links grüsst das „blue canoe…“)

Eine besondere Episode aus jenen Tagen lässt uns bis heute schmunzeln. Meine Frau und ich brachen zu einer zweitägigen Kanu-Tour durch die Wildnis auf: Den Moon-River mit seinen zahlreichen Stromschnellen (Stichwort „portage“) hinunter bis zur Woods Bay und quer über diese hinweg zurück zur Lodge.

Unser Übernachtungsplatz

Samt „blue canoe“, Gepäckfass, Zelt und Karsumpel wurden wir also in Uwes Bus an die Einstiegsstelle im Busch gefahren, da wo der Highway 69 den Moon River quert. Schon bald nach dem Start mussten wir allerdings ernüchtert feststellen, dass die vorbereitete Karte des Flussverlaufs wohl in der Lodge liegen geblieben war. Sch….!

Kurze Zeit später vertrautes Motorgeräusch aus der Luft, gefolgt von unserer C-172 F im kühnen Allertiefstflug, deutlich unter Baumwipfelhöhe, scharf kurvend der Schneise des Flusses folgend und offenbar auf der Suche nach uns. Also heftiges Winke, Winke nach oben. Beim zweiten, diesmal langsamen Überflug fällt ein undefinierbarer Gegenstand aus dem rechten Kabinenfenster und landet nicht weit von uns entfernt im Busch. Er entpuppt sich nach kurzer Suche als leere Jack Daniels Flasche aus Kunststoff. Und drin steckt, sauber kleingerollt, unsere Karte. That’s what friends are for…

Die Faszination des Wasserfliegens rund um die Georgian Bay hat uns dann viele Jahre nicht mehr losgelassen. Bis heute zurück bleiben all die „sweet memories“ aus einmaligen Flug-Erlebnissen, Canoe-Abenteuern in der Wildnis, guten Gesprächen um’s abendliche Lagerfeuer, lieben Freunden und viel Spass! 

Am Lagerfeuer unter dem Sternenzelt. Mit schon leicht verklärten Blicken…

Georgian Bay-View

Idyllische Aussichten auch aus dem Kanu

Meine allererste Alleinlandung für’s Seaplane-Rating. Fotografiert vom Fluglehrer Uwe, den ich zuvor auf einem Felsen mitten im Lake ausgeladen hatte

Sunset. Prächtig und gratis

30’000 Islands: Inseln soweit das Auge reicht. Manche unbewohnt, oft mit kleinen Sandstränden zum „beachen“. Ein Paradies 

Abenteuerlich, weitab von der „Zivilisation“

Mit gezogenem Mixer und letztem Schwung an den Steg der Lodge

Allgemein beliebt am Morgen: Floats auspumpen….∂ℜξψchrrr

Was für ein wildes, schönes Land!

Klappen 10, Wasserruder rauf, full power. Und los in den Wind…

Das Kanu, Gerät des Friedens. Entschleunigt wunderbar

Coming in after landing. Tucker, tucker…

Und dann noch unser Lieblings-Chipmunk, etwas verwöhnt: Als die Peanuts seiner bevorzugten Marke einmal unverhofft ausgingen, flogen wir rauf nach Mactier, banden die Mühle am Steg fest, holten „per pedes“ im örtlichen General Store Nachschub und flogen wieder zurück. Man kann doch so ein putziges Tierchen nicht verhungern lassen…

Schliesslich – der Epilog zu diesen Jahren voller Erlebnisse: Es war eine wundervolle Zeit, und sie bleibt unvergessen. Aber das Leben geht derweil zügig weiter, da führt kein Weg vorbei. Uwe, der Lodge-Besitzer und liebe Freund, verkaufte sein Haus in den späten 90-er Jahren einem Nachfolger. Er war ja nicht mehr der Jüngste, hatte spät nochmals geheiratet und zog mit seiner kanadischen Frau etwas weiter in den Norden in die Gegend von Sudbury.

Da oben ist er vor einigen Jahren verstorben. Die Woods Bay Lodge, dieser besondere Ort mit all den „crossroads of life“ ihrer Gäste, aus denen Freunde wurden – sie ist inzwischen ein Privatgrundstück. Der jetzige Besitzer vermietet nur noch die Zimmer in der separaten Cottage, über Airbnb:

https://www.airbnb.ch/rooms/31586759?locale=de&_set_bev_on_new_domain=1589549059_MWYyYmVjMTdhODA5&source_impression_id=p3_1589549063_IW6hUM3zTEcbYRaR&guests=1&adults=1

Unseren unvergesslichen Erinnerungen aus früheren Tagen tut dies allerdings keinen Abbruch…