Flugwaffe der 40-er Jahre

David gegen Goliath.

1939 zeichnen sich in Europa dramatische Ereignisse ab. Der verlogene und völkerrechtswidrige deutsche Angriff auf Polen im Morgengrauen des 1. September 1939 beseitigt alle Zweifel über die Pläne des „Führers“. In den folgenden 6 Jahren entkommt kaum ein Land in Europa der deutschen Kriegsmaschinerie.

Die Schweizer Flugwaffe ist für diese Entwicklung schlecht gerüstet. Noch im September 1938 kann die KTA (=Kriegstechnische Abteilung, heute Armasuisse) immerhin bei den Bayerischen Flugzeugwerken in Augsburg noch vierzig Jagdflugzeuge des Typs Bf 109D („Dora“), ohne Bewaffnung und Funkgeräte, bestellen. Ein Unterfangen, das im Land politisch nicht überall gut ankommt. Die Maschinen werden bis Ende Mai 1939 von KTA-Piloten wie meinem Vater ab Werkflugplatz Regensburg in die Schweiz überflogen.

Die 680 PS des Junkers Jumo-Motors der Me 109D und das enge Fahrwerk waren nicht ohne Tücken. Die Ausbruchstendenz bei Start und Landung sorgte für allerhand Zwischenfälle.

Weil sich das linke Fahrwerk bei der J-307 (selbst via Notauslösung) partout nicht verriegeln liess, entschloss sich mein Vater am 1. Februar 1939 zu einer stiebenden Bauchlandung auf der leicht verschneiten Graspiste von Dübendorf. Ausser Staubwolken und Sachschaden nichts passiert.

Beim Lizenzbau der dringend benötigten Morane-Maschinen gab es Verzögerungen. Darum bemühte sich die KTA Ende März 1939 um die Beschaffung weiterer 30 Me 109 Jagdflugzeuge, was zu dieser Zeit gerade noch möglich war.

Keinen Tag zu früh, denn bald standen nun die Zeichen auf Sturm: Am 28. August 1939 beschloss der Bundesrat die Mobilisierung der Fl Rgt 1 und 3. Weil die bestellten Me 109 etwas auf sich warten liessen, verfügten die Fl Kp 1, 4, 7, 8 und 9 dannzumal noch über keine Flugzeuge. Sie wurden deshalb auf Pikett gleich wieder entlassen.

Vereidigung zum Aktivdienst durch den General Henry Guisan

Mein Vater leistete als Kommandant der Fl Kp 7 wiederholt Aktivdienst-Perioden, so etwa mit der Fl Abt 3 (Fl Kp 7, 8 und 9) von April bis September 1940 auf einem Feldflugplatz in Avenches, entlang des Flüsschens „L’Arbogne“, stationiert. Hier Impressionen aus jenen Tagen:

„Menü 1“, getarnt im Felde

Piloten der Fl Kp 7, „Lädi“ ist der Dritte von rechts 

Da gab’s wohl etwas zu feiern…

General Guisan auf Truppenbesuch. Der Überlieferung nach flog er nicht besonders gern (so schaut er auch aus). Für Inspektionsreisen zu den Einheiten der Fliegertruppen benutzte er aber dennoch oft eine der Me 108 Taifun, wenn es das Wetter zuliess. Hier wird er von Hptm Willy Frei geflogen. 

Mehr über diese schicksalsschweren Tage im Frühjahr und Sommer 1940 finden sich auch in einer 2008 erschienenen Artikel-Serie aus der WOZ (der Armee gegenüber als ausgesprochen kritisch bekannt):

https://www.woz.ch/-1034 

Nach den deutschen Verlusten in dramatischen Luftkämpfen gegen die Schweizer Luftwaffe, im Juni 1940 über dem Jura und an der Nordgrenze unseres Landes, richtet Göring grobe Drohungen an unsere Landesregierung. In deren Folge erlässt General Guisan am 20. Juni 1940 den Befehl, der es den Schweizer Jägerpiloten fortan verbietet, ihren Luftraum zu verteidigen und eingedrungene Feindflugzeuge zu bekämpfen. Man will offensichtlich nichts provozieren.

Der General am 15. August 1940 in Avenches, wo er ein Defilée der (unterbeschäftigten) Fl Abt 3 abnimmt.

Unvergessen: Oblt Paul Treu

Ein Zeitsprung zum 5. September 1944, einem schwarzen, traurigen Tag für die Fl Kp 7, die zur Verstärkung des Überwachungs-Geschwaders am Vortag von Interlaken nach Dübendorf disloziert war. Nachdem ihre störungsanfälligen Me 109G („Gustav“) Mitte August mit einem Flugverbot belegt wurden, hatten sie wieder auf die älteren Me 109E („Emil“) zurückgerüstet. Diese verfügten noch nicht über gepanzerte Cockpits und hatten ältere, schlecht bis gar nicht funktionierende Funkgeräte, was eine Kommunikation zwischen den Piloten, aber auch zwischen den Piloten und der Einsatzleitung, oft unmöglich machte.

Am 5. September erhält die auf Pikett stehende Doppelpatrouille der Fl Kp 7 aufgrund einfliegender amerikanischer Bomber den Befehl zum Alarmstart. Normalerweise hätte diesen Einsatz der Kommandant (mein Vater) angeführt. Der landete jedoch zum Zeitpunkt des Alarms gerade mit der amerikanischen Mustang P-51B, die am 19. Juli in Ems notgelandet und inzwischen nach Dübendorf transportiert worden war. 

So führte denn die Patrouille von Oblt Paul Treu / Oblt Robert Heiniger mit einer zweiten Patrouille der Fl Kp 7 den Alarmstart durch. Gerade hatten Treu und Heiniger eine angeschlagene B-17 abgefangen und Richtung Dübendorf zur rettenden Landung gelotst, als sie überraschend aus der Überhöhung heraus von amerikanischen Mustang Begleitjägern angegriffen werden. Deren Piloten hielten die Me 109-Maschinen für deutsche Angreifer. Oblt Treu wird sofort tödlich getroffen und stürzt bei Zürich-Affoltern steuerlos ab. Auch Oblt Heiniger erhält verschiedene Treffer, kann seine beschädigte Me 109 aber rauchend und mit stehendem Propeller in Dübendorf meisterhaft auf den Bauch setzen. Er schlägt dabei zwar mit dem Kopf hart auf das Zielgerät auf und verliert das Bewusstsein. Das herbei geeilte Bodenpersonal kann den aufkeimenden Brand jedoch schnell löschen und den Piloten aus der engen Kabine ziehen. Nach drei Tagen Spital ist er wieder bei der Staffel.

Am Absturzort von Oblt Paul Treu, im Hürstwald bei Zürich Affoltern, steht übrigens heute noch ein Gedenkstein.

Siehe http://warbird.ch/wb-events/luftkampf-ueber-der-schweiz/

 

Ab Mai 1944 im Einsatz: Die gefährlich pannenanfälligen Me 109 G. Mein Vater flog üblicherweise die J-704. Die Baugruppen für diese Maschinen wurden gegen Ende des Krieges dezentral (oftmals in unterirdischen Stollen und verlassenen Bergwerken) von angelernten Zwangsarbeitern, KZ-Insassen und Kriegsgefangenen zusammengebaut. Flugzeug-Aluminium und notwendige Legierungen wie Bronze oder Lagermetall waren für die Deutschen gegen Kriegsende nicht mehr in den nötigen Mengen zu bekommen. Die Qualität der Arbeiten war zudem äusserst mangelhaft, und man muss annehmen, dass dabei auch absichtlich sabotiert wurde.

Wie andernorts beschrieben, konnten die 12 Me 109 G im Rahmen eines „Kuhhandels“ erstanden werden. Das kam so: In der Nacht zum 28. April 1944 war ein desorientierter Me 110 Nachtjäger, irritiert von Suchscheinwerfern, in Dübendorf gelandet. Diese Maschine war mit einem hoch geheimem „Lichtenstein“-Bordradar sowie einem Waffensystem „schräge Musik“ ausgerüstet. Das waren Kanonen, die in steilem Winkel nach oben schiessen konnten, was eine völlig andere, überraschende Angriffstechnik gegen die US-Bomber ermöglichte.

Für die Deutschen durfte diese Maschine darum keinesfalls intakt in Feindeshand fallen. Über die diplomatischen Kanäle verlangten die Nazis denn auch energisch die sofortige Rückgabe der Maschine, andernfalls ein deutscher Bombenangriff auf Dübendorf ins Auge gefasst würde. Die Schweizer Seite handelte, vermeintlich bauernschlau, den Kauf besagter 12 Me 109 G aus. Im Gegenzug wurde die Sprengung der ominösen Me 110 zugesichert. Und so geschah es auch: Am 18. Mai 1944 wurde die Me 110 im Beisein deutscher Militärs (!) in Dübendorf gesprengt. Und der Ärger mit den gekauften Maschinen begann…

(Siehe: https://www.nieuport.ch/assets/Geschichte_der_schweizerischen_Fliegertruppen.pdf

Hier noch einige (arg vergilbte) Bilder von Piloten der Fl Kp 7 vor einer dieser problematischen „Gustavs“, offenbar 1944 in Interlaken. Die Namen kann ich nicht mehr zuordnen. Falls jemand einen der Piloten zu erkennen glaubt, freue ich mich über eine Nachricht.

 

Die Ereignisse jener schicksalhaften Tage sind im Buch von  Georg Hoch „Die Messerschmitt Me 109 in der Schweizer Flugwaffe“ auf einzigartig detaillierte Weise festgehalten:

 https://www.orellfuessli.ch/shop/home/artikeldetails/die_messerschmitt_me_109_in_der_schweizer_flugwaffe/georg_hoch/ISBN3-905404-35-4/ID6834441.html

Und schliesslich noch mein ganz persönliches Andenken an die Fl Kp 7: Die rührende Gratulationskarte zu meiner Geburt. Handgemacht, mit Originalunterschriften der Piloten.